Welt Vegan Magazin
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Janin Devi

WVM: Woher stammen deine musikalischen Wurzeln? Aus der Familie oder hast Du Dir das irgendwann angeeignet und einfach viel geübt und gesungen?

Janin: Dieser Ruf zur Musik, zu meiner Stimme, begleitet mich schon, seitdem ich denken kann. Es ist eine Mischung aus musikalischer Früherziehung, Talent, eine Prise Alanis Morisette und dem Keyboard, was ich mit acht Jahren geschenkt bekommen habe, um darauf „I would do anything for love" von Meatlove rauf- und runterzuspielen. Kurz darauf bekam ich zwei CDs in die Hände von Whitney Houston und Celine Dion. Da war es um mich geschehen. Das Gespür für Musik wurde mir zudem quasi in die Wiege gelegt. Das schon vorhandene Potenzial habe ich dann ganz intuitiv geformt und bin Stück für Stück immer mehr zum Singen gekommen. Heute kann ich pfeifen wie eine Nachtigall, was der ursprünglich unterdrückte Gesangsimpuls mit sich gebracht hat. Mit 17 Jahren öffnete ich mich dann, sang für diverse Hip-Hop-Produktionen ein und fand schnell eine Band. Um musikalisch zu sein, brauchte ich keinen Unterricht, sondern jemanden, der mich inspiriert.

WVM: Ich habe im letzten Jahr eines deiner Konzerte erlebt und hatte den Eindruck, dass Du mit Leib und Seele eintauchst, ja fast mit den Klängen verschmilzt. Lässt Du Dich von der Musik verführen oder verführst Du die Musik?

Janin: Zuerst habe ich die Musik in mich aufgesogen wie ein nasser Schwamm. Ich brauchte sie, um mich zu fühlen. Sie war mein erster Zugang zu mir selbst. Heute verschmelze ich mit den Klängen, mit dem Moment des Auftritts. Mehr noch als ein verführen ist es ein ge-führt werden, in welches ich mich immer wieder gerne fallen lasse.

WVM: Wenn man Musiker die Frage stellt, "was möchtest Du mit deiner Musik erreichen", dann kommt sehr oft die Antwort, "das Publikum begeistern". Ist das bei Janin Devi anders?

Janin: Es ist wundervoll, wenn Menschen durch meine Musik berührt werden. Vielleicht möchte ich damit aber nichts Spezielles erreichen. Ich setze einen Impuls, der sich ganz individuell verschieden ausbreiten kann. Des Öfteren erhalte ich Feedbacks von Zuhörern, die mir berichten, dass sie zu meiner Musik Yoga praktizieren, Babys gebären, heiraten und in Zeiten von Verlust und Trauer wieder zu sich finden. Musik, die aus einem liebenden Mitgefühl entsteht, trägt die Möglichkeit für Heilung und vieles mehr in sich. Ich denke, dass wir alle dasselbe Bedürfnis haben, nach einem Ankommen, einem Heil-Sein mit uns. Und somit nutze ich die Musik als ein Werkzeug, um Liebe und Vertrauen für alle ein bisschen mehr zugänglich zu machen.

WVM: Du betreibst aktiv Yoga. Viele deiner Auftritte werden in Verbindung mit Yoga-Events, Yoga-Veranstaltungen oder Yoga überhaupt gebracht. War das beabsichtigt oder ist das manchmal eher eine kleine Last, in diese vorsichtig ausgedrückt “Schublade“ gesteckt zu werden?

Janin: Ganz im Gegenteil; ich bin richtig happy darüber, in der Yoga Szene etabliert zu sein. Es bedeutet mir sehr viel, von und mit meiner Kunst leben zu können. Die Yogaszene an sich erlebe ich zudem sehr aufgeschlossen und bereit, mit einem sich wandelnden musikalischen Zeitgeist zu gehen. Meine ersten Yoga-Erfahrungen erlebte ich als dreijähriges Kind beim Üben mit meiner Oma. Ausschlaggebend für die Mantra-Praxis waren die Satsang-Erlebnisse im Yoga Vidya Ashram: Zusammen mit hunderten von Menschen zu chanten (singen), war überwältigend und reinigend. Natürlich ist keine Schublade ausreichend für die Art von Musik, die entsteht, und ich genieße es, aus diesen Schubladen heraus überzufließen, Neues zu gestalten; wie z.B. auch neue Musikprojekte im Elektro-Pop-Bereich. Yoga bedeutet für mich Verbundenheit, Einheit und Begrenzungen aufzugeben, in dem man sich ganz einfach hingibt.

WVM: Dein neues Album ist gerade erschienen: „Higher, Wider, Deeper“. Viele wollen noch höher hinaus, noch mehr von allem. Ich gehe davon aus, dass die Botschaft des Titels auf das Wachstum und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit gerichtet ist?

Janin: Genau, deswegen ja auch besonders das "Deeper". Es ist wundervoll, wenn wir uns als Menschen, als Individuen ausdehnen, uns höher und weiter entfalten in unserem Potenzial; zudem auch in unseren Möglichkeiten auf Materieller und Geistiger Ebene. Doch das "Deeper" ist es, was es interessant macht: Was ist es, das mich zu dieser Entfaltung führt? Kann ich da entspannt mit-fließen oder breche ich was über den Zaun? Wie achtsam bin ich dabei mit mir, meinem Umfeld und der Umwelt? Sich immer wieder bewusst zu machen, worum es wirklich geht, bringt ein nährendes Wachstum.

WVM: Kommen wir zum Thema Ernährung. Du lebst vegan? Und wie lange schon?

Janin: Ja, ich ernähre mich seit sieben Jahren konsequent vegan und seit meinem 14. Lebensjahr vegetarisch.

WVM: War das ein Prozess, dorthin zu gelangen, oder hattest Du ein Schlüsselerlebnis?

Janin: Es war beides. Eine Tante von mir ernährte sich vegetarisch. Als ich davon erfuhr, formte sich zum ersten Mal ein mitfühlender Gedanke, den ich dann auf dem kleinen Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin, spazieren führte. Ich schaute mir die Kühe im Stall an; während meine Großeltern am Melken waren, unterhielten sie sich mit den Tieren. Anschließend ging ich in den Bullenstall und sang den Tieren, den Schwalben und Hunden Lieder vor. Kurze Zeit darauf zerschmetterte eine Tiertransporte-Doku im Fernsehen mein Gemüt und so traf ich den festen Entschluss, nie wieder ein Tier zu essen. Nach einiger Zeit waren auch Milchprodukte im Allgemeinen nicht mehr von Interesse, und ich lebte, ohne es wirklich sofort zu merken, vegan.

WVM: Könnte man sagen, dass in Yogakreisen vegetarisch oder vegan leben fast Standard ist? Bzw. der Anteil an vegan/vegetarisch Lebenden deutlich höher ist als im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung?

Janin: Kulturell gesehen ist Yoga ja eine grundlegend vegetarische Bewegung und ist erst mit dem Übergang in den Westen teilweise davon abgekommen. Die Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper, die Konzentration auf den Atem, die Bewusstheit in der Lebensführung, die das Yoga ursprünglich auch abseits der Yogamatte ausmacht, beinhaltet ganz natürlich auch die Achtsamkeit, den Respekt gegenüber den Mitlebewesen; ob Mensch oder Tier ist dabei nicht von Bedeutung. Mein Partner und Begleiter Kai Treude, der mit mir zusammen als Yogalehrer auch die Lifemusik-Yogastunden unterrichtet, hat diesen Impuls beim Yoga Vidya Zentrum, Europas größtes Yogaseminarhaus bei uns hier in der Nähe, aufgegriffen und hat mit großer Unterstützung dort die vegetarisch-biologische Küche veganisiert. Er hat lange Jahre als Koch gearbeitet, und nun ist es dort ganz selbstverständlich, dass alle Hauptgerichte vegan zubereitet werden: bis zu 1000 Essen am Wochenende und bis auf vereinzelte Ausnahmen am Buffet, alles rein pflanzlich. Es gab anfangs viele Diskussionen, und auch um das Image wurde gefürchtet, doch letzten Endes geht es nun allen, ob Mitarbeiter oder Gast, damit richtig gut. Das Essen ist bekömmlicher, und es heißt auch, die Yogapraxis selbst sei dadurch etwas mehr ins Fließen gekommen. Sharon Gannon z.B. von der erfolgreichen Jivamukti-Yoga-Bewegung aus den USA ist da konsequent, bei ihnen ist die vegane Ernährung und Tierschutz Teil der Yogalehrerausbildung. In den alten Yogaschriften gibt es das Grundprinzip von „Ahimsa“, welches „Gewaltlosigkeit“ bedeutet. Es heißt ohne dieses Grundprinzip sei alle Praxis wertlos. Auch für mich gehört die vegane und biologische Ernährung eben zu diesem Ahimsa. Jeder muss sich da, glaube ich, ein eigenes Bild von machen. Wir alles sind feinfühlige Wesen und es tut uns selbst gut, zu anderen gut zu sein.

WVM: Wie stark steht die geistige Entwicklung im Zusammenhang mit Ernährung. Was glaubst Du?

Janin: Wenn wir wirklich nachdenken über all das, was wir über die Ernährung, Krebs, Tierhaltung und -transporte wissen, über Giftstoffe und Hormone, zudem noch hineinspüren, wie es uns damit ganz ehrlich betrachtet geht, ob es wirklich stimmig für uns ist und alle Ausreden beiseitelassen, ist es für viele sicherlich ganz logisch, bei einer veganen Ernährung und Lebensweise anzukommen. Viele brauchen einfach hilfreiche Impulse, wie z.B. auch dieses Magazin, um sich zu motivieren, die Erkenntnisse auch einfach zu leben, einfach mal auszuprobieren, wie es sich anfühlt z.B. nach einer veganen Woche, Monat, Jahr...

WVM: Also müssen/sollten wir uns stärker mit dem Thema „Ernährung & Bewusstsein“ auseinandersetzen, Aufklärungsarbeit leisten, vielleicht an Schulen unterrichten, weil die Folgeschäden durch falsche Ernährung längst global zu spüren sind und noch lange kein Ende erreicht haben?

Janin: Auf jeden Fall. In dieser Konsumgesellschaft, in die wir alle hineingeboren werden, ist eine der großen Chancen, die wir haben, die Macht als Konsumenten. Unser Geldfluss, unsere Kaufentscheidung trägt maßgeblich zur Formung der Gesellschaft bei. Der Einfluss wiederum auf den Bildungssektor hat Auswirklungen auf die folgenden Generationen und ist in Zeiten, wo sich viele Umwelt und Ressourcenprobleme weltweit verdichten, essenziell für das Überleben als Menschheit. Wenn die folgenden Generationen wach großwerden, ist es möglich, viele der Fehler der Vergangenheit geradezurücken, Technik und Innovationen der grünen Art sinnvoll dafür einzusetzen. Es ist vieles im Wandel und ich glaube daran, dass es Stück um Stück weiter geht in ein besseres Verständnis, in einen bewussteren Umgang mit der Welt. Es liegt an jedem einzelnen von uns.

WVM: Du bist viel unterwegs. Da hat man nicht immer die Möglichkeit an hochwertiges, Energie bringendes Essen zu gelangen. Wie machst Du das?

Janin: Einfach Essen mitnehmen, vorsorgen. Dann entsteht auch kein Druck oder Stress. Mittlerweile bekommt man an vielen Orten biologische Köstlichkeiten. Unsere Veranstalter sorgen zudem auch immer für ein leckeres Gericht, stellen Trockenfrüchte, Rohkostschokolade, gutes Wasser bereit. Sich rauszureden mit dem nächsten Burger King, zählt auf jeden Fall nicht.

WVM: Wenn Du ein Rezept vorschlagen müsstest, um unseren Planeten zu ENTlasten, wie sähe das aus?

Janin: Für jeden eine Prise mehr durchatmen, etwas mehr Andersartigkeit. Ein Hauch von Stille im Alltag und ein guter Schuss Bewusstheit, gemischt mit ein wenig Träumerei und Mut...